Dienstag, 1. Juli 2014

Candidate Experience - Soll das wirklich so schwer sein?

Angestachelt vom aktuellen Beitrag von Robindro Ullah (hier), sehe ich mich förmlich genötigt mal meine Gedanken zur Candidate Experience zu äußern.

Sowohl aus HR-Sicht, als auch in den Augen eines Ypsiloniers ist das ein großes Thema für mich. Es geht hier schließlich sowohl darum als HR-Professional meinen Job möglichst gut zu machen, als auch den Bedürfnissen meiner Generation genüge zu tun. Wir wollen auf Augenhöhe behandelt werde und ich war immer der Meinung, das könne so schwer nicht sein. Offensichtlich gilt das aber noch lange nicht für alle Personaler. 

Zunächst mal muss ich meine Kollegen jedoch in Schutz nehmen, denn viel zu oft bekommt HR nicht die Ressourcen zur Verfügung gestellt, die es für eine sinnvolle Bearbeitung aller Vorfälle braucht. Daher kann ich das Argument "Wir haben auch noch andere Sachen zu tun!" wirklich von Herzen nachvollziehen. Jedoch muss ich hier auch den mahnenden Finger heben, wer auf der einen Seite wegen eines Fachkräftemangels stöhnt darf potentielle Mitarbeiter (auch wenn Sie aktuell nicht qualifiziert erscheinen) nicht vergrätzen, vor allem mit Hinblick auf die Employer Brand. Mundpropaganda ist ein nicht zu unterschätzendes Personalmarketinginstrument. Aber auch wenn wir nicht die Employer Brand im Sinn haben, wir erwarten eine angemessen Bewerbung, dass sich der Bewerber Mühe gibt, die Form wahrt und ggf. Termine und Fristen einhält. Wenn wir diesen Anspruch haben, müssen wir diesem auch selbst genügen. Das ist keien Frage von "Nice to have" sondern in meinen Augen eines Frage des Berufsethos.

Nachweislich, wie ich bereits während meiner Diplomarbeit erfahren durfte gibt es ihn, den Zussammenhang zwischen dem, durch den Bewerber empfundenen, Sympathiefaktor des Recruiters und dem Erfolg im Recruting. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten.

Was in meinen Augen eine gute Candidate Experience ausmacht ist im Prinzip trivial.

1. : Seien sie Ansprechbar für Interessenten und Bewerber, nehmen Sie sich Zeit für den Menschen der sich die Mühe macht Sie fragen und überzeugen zu wollen. 
 
2. In Zeiten von E-Mail Bewerbungen ist es überahaupt kein Problem einen Autoresponder für die Eingangsbestätigung zu schalten. So teilen Sie dem Bewerber mit, dass seine Bewerbung eingegangen ist. Man kann hinweise geben, wie lange es dauern wird und sollte diese auch im späteren Ablauf beherzigen. Ein Mittel, das nur 1x Arbeit macht aber viel Wertschätzung vermittelt.

3. Halten Sie ihre Fristen ein, wenigstens ansatzweise. (Ich weiß, das klappt nicht immer, aber wenigstens sollte man es versuchen)

4. Seien Sie offen, ehrlich und betreiben Sie keine Schönmalerei im Kontakt mit Bewerbern und im Vorstellungesgespräch. Ein Bewerber merkt genauso wie ein Personaler sehr schnell im Gespräch ob er willkommen ist und man ihn ehrlich behandelt. Fragt er Sie nach den negativen Aspekten ihres Unternehmens gibt es keinen Grund zur Schönmalerei, man wird Ihnen danken wenn Sie offen zugeben an welchen Stellen es noch hakt. Jeder weiß, nichts auf dieser Welt ist perfekt.Weiterhin mag Arrogante und distanzierte Haltung im Personalwesen einmal en Vogue gewesen sein, diese Zeiten sind vorbei (jedenfalls sehe ich das so). Sie möchten ja auch nicht, dass der Bewerber Sie fragt "Und was wollen Sie hier?" während er die Nase rümpft oder gelangweilt auf seine Fingernägel starrt.

5. Lassen Sie nicht geeignete Bewerber nicht zu lange auf die Absage warten. Scheuen Sie sich nicht, einen Grund zu liefern warum Sie absagen (ja, ich weiß man muss vorsichtig sein in Sachen AGG, aber es ist dennoch möglich einen Grund zu liefern). Ich fordere meine Bewerber mit jeder Absage auf, unseren Stellenausschreibungen zu beobachten und es bei Gelegenheit noch einmal zu probieren. Das macht Mut und viele derjenigen denen ich Absagen musste waren ja nicht unqualifiziert, es war nur einer ein bisschen Besser. Ebenjene Abgesagten bleiben aber auch nicht auf der Stelle stehen.
Eine solche Absage hat mir glücklicherweise schon einige dankbare, teils wirklich rührende Rückmeldungen eingebracht. Ein weiterer positiver Aspekt ist ganz egoistisch betrachtet, dass so der Job mehr Spaß macht.

6. Kämpfen Sie auch mal, wenn es sich lohnt zu kämpfen. Wenn Ihnen ein wirklich guter Bewerber mitteilt, dass er schon eine andere Stelle gefunden haben dann aktivieren Sie den Vertriebler in sich. Jeder Mensch den ich kenne freut sich, wenn man ihm zu verstehen gibt dass er gewollt wird. Manchmal kann man so noch den ein oder anderen gewinnen. Ein Mitarbeiter in unserem Unternehmen hatte mir zunächst abgesagt, ich kam nicht durch und er hielt an seinem Plan fest. 3 Monate später hatte sich der neue Job als fürchterlich heraus gestellt, und der Mitarbeiter kam erneut auf mich zu da ich ihm gesagt hatte er könne sich jederzeit wieder melden. Heute steht er auf unserer Payroll und macht einen ausgezeichneten Job.

Vielleicht animieren diese 6 Punkte den ein oder anderen zu ein paar, kleinen aber wirkungsvollen Veränderungen in den Prozessen. Ich würde mich darüber und über Ihre Rückmeldung freuen... 

Der Fachkräftemangel ist nur so dramatisch wie man sich ihn macht.

Herzliche Grüße
Stefan Nette

P.S: Hier ein nachweis für den Sinn des Ganzen. Diese Nachricht hat mir gerade erst heute ein Kollege aus der Telefonzentrale geschrieben. Die Dame hatte mich leider nicht erreicht. Ich hätte wirklich gerne persönlich mit ihr gesprochen:

Hallo Stefan,
nur zur Info.
Die Frau Mxxxxx Mxxxxxx (Bewerberin für eine Ausbildungsstelle) hat soeben versucht dich zu erreichen.
Sie hat von uns zwar eine Absage erhalten. Sie wollte sich trotzdem für deine sehr freundliche Begründung bedanken. Sie meint das Feedback von dir hat Ihr sehr geholfen.
Gruß
Steven

Kommentare:

  1. Moin Stefan,
    aus Deinen Worten spricht die idealistische Persönlichkeit, die intrinsisch motiviert ihren Job macht. Das ehrt Dich - und behalte es Dir bei. Du hast natürlich absolut Recht mit Deinen 6 Punkten. Tatsächlich glaube ich, dass die "alte HR Generation" ein Stück weit verdorben ist für diese Sicht. Entweder, weil sie die nie hatte - oder sie ihr abtrainiert wurde. Prozessdenken und Bewerbermassen lassen Dich irgendwann immun gegen Einzelschicksale werden. Das zu verhindern, gelingt vielen nicht. Von daher: Bleib dran und lass Dich nicht verbiegen. Denn diese Fähigkeit / Einstellung unterscheidet in Zukunft die "Guten" von den "nicht so Guten".
    Herzlichen Gruß, Henrik

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  2. Lieber Henrik,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Ja ich fühle noch mit, mit jedem netten Kontakt dem ich absagen muss, mit jedem Abzubi der die nächste Absage erhält. Ich will das nicht aufgeben und hoffe das Berufsleben versaut mich nicht auch. Aber ich glaube das hat für mich weniger mit Idealismus, als vielmehr mit meiner Weltsicht zu tun. Ich hoffe das bleibt so, Menschen wie du lassen mich hoffen, denn was ich von dir bisher kennen gelernt habe macht Mut. So wie dich kenne hast dir deine Ideale und einen kleinen Jungen im Herzen bewahrt. Ich freue mich, dass ich dich kennen lernen durfte!

    Herzlichen Gruß zurück,

    Stefan

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  3. Hallo Stefan,

    ich finde die von Dir genannten Punkte gut. Es geht um Wertschätzung, heute mehr denn je. Ein Unternehmen, das diese Wertschätzung nicht kommuniziert oder gar Geringschätzung ausstrahlt (das gibt es oft genug), wird bei den Bewerbern schlechter abschneiden als der wertschätzende Wettbewerb. Zumindest die GenY dürfte darauf sehr viel Wert legen. Für die Baby Boomer war es ja eher wichtiger, überhaupt zu arbeiten, egal wie. Bleib bei Deiner Linie, damit liegst Du sehr richtig. Nicht verbiegen, da hat Henrik Recht.

    Beste Grüße, Helge

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  4. Lieber Helge,

    auch dir vielen Dank für deine treffende Einschätzung. Ich denke jeder genießt eine Wertschätzende behandlung. Eigentlich sollte diese selbstverständlich sein, immerhin geht es um Menschen und Menschen verdienen Respekt im Vorschuss, ob man diesen dann zurück zieht ist eine ganz andere Frage.

    Vielleicht mögen manche nicht so viel Wert auf wertschätzende Behandlung legen, wie andere aber jeder dürfte sich darüber freuen.

    Herzliche Grüße,

    Stefan Nette

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